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Menschen, die Bildhauerei betreiben, werden alt
Der
Renaissance-Künstler Michelangelo Buonarroti (1475 -1564) hat die in seiner
Zeit durchschnittliche Lebenserwartung von Männern um das Zweieinhalbfache
überschritten. Und dies in einer Zeit, in der die Bildhauerei kaum
schutztechnische Mittel besaß und von Staubschutz keine Ahnung hatte.
Krankheitsbilder wie "Silikose" - der Fachbegriff für die
gefürchtete "Staublunge"- waren noch bis weit in die Zukunft
unbekannt. Auch Schutzbrillen gab es nicht. Die einzige Möglichkeit, sich
von den teilweise messerscharfen Marmorsplittern zu schützen, war das
rechtzeitige Augenzukneifen vor jedem Hammerschlag. Auch Verletzungen durch
den Rost, welcher sich an den geschmiedeten Eisenwerkzeugen bildete, sowie
das Absprengen von Metallspänen, die aus heutiger Sicht Verletzungen wie
von Granatsplittern verursachten, waren eine ständige Gefahr,
die in der damaligen Zeit zu lebensbedrohlichen Infektionen führen konnte.
Eduard Spörri
(1901 - 1995). "Ein Meister aus dem Aargau", wie ihn der bekannte
Publizist und Paracelsus-Biograf Pirmin Meier in einer vielbeachteten
Lebens- und Werkdarstellung genannt hatte, wurde 94 Jahre alt. Sein Cousin
Eugen Spörri Senior wurde trotz lebenslanger Arbeit am Stein 101 Jahre alt.
Sie haben bis kurz vor ihrem Ableben gearbeitet. Beide waren meine
Lehrmeister. Als ich die Lehrstelle antrat, war Eugen Spörri bereits 83
Jahre alt. Von Anfang an musste ich hart am Stein arbeiten. Übungsstücke
waren im Atelier Spörri nicht üblich. Ich musste schon am ersten Tag an
einem bläulich-grauen Marmor aus Carrara arbeiten. Von Eugen Spörri
erlernte ich in den ersten zwei Jahren das Steinhauerhandwerk mit sehr hohen
Ansprüchen an die Arbeitsqualität. Die folgenden zwei Jahre gehörten
zunehmend der künstlerischen Ausbildung. Eduard Spörri hat mich mit der
Kunst und den technischen und visuellen Problemen des klassischen
Modellierens von Figuren und in das anspruchsvolle Handwerk des Gipsabgusses
eingeführt. In seinem Atelier fühlte man sich hundert Jahre
zurückversetzt. Wenn man in seinen Obstgarten trat und die Tür in der ihn
einschließenden Umrandungsmauer verschloss, fühlte man beinahe eine
körperliche Anwesenheit der großen Meister der französischen Bildhauerei
des
19. Jahrhunderts: Auguste Rodin, Aristide Maillol und
Auguste Renoir
inspirierten Eduard Spörris Kunst der sorglos Badenden und der
selbstvergessenen Schönheit der herumstehenden und sitzenden Akte.
Frauenfiguren, Portraits und Reliefs zeigten eine von der industriellen
Technik und merkantilen Hektik unberührte Welt. Es wirkt wie ein ironischer
Schnitt in Eduard Spörris Welt, dass ausgerechnet er mit einem Werk, das an
eines der schrecklichsten Unglücke in der Geschichte der Schweizer
Luftfahrt erinnert, berühmt wurde. Er schuf das monumentale Denkmal,
welches den Flugzeugabsturz bei Dürrenäsch am 4. September 1963 in
Erinnerung hält. Eine vollbesetzte Caravelle der Swissair war damals auf
dem Kurs nach Rom und stürzte 22 Minuten nach dem Start ab. An Bord waren
19 Ehepaare aus Humlikon, die 39 Vollwaisen hinterließen.
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© Foto: Archiv Limmat-Stiftung, Zürich
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Hundert Jahre (1902
- 2002) alt wurde auch der Maler Karl Lukas
Honegger, der sich mit 45 Jahren
noch fünf Jahre lang zum Bildhauer ausbilden ließ und danach ein
beachtliches plastisches Werk schuf, in dem Skulpturen aus Marmor und Granit
einen wichtigen Bestandteil bildeten. Mit viel Energie und innerer
Überzeugung erarbeitete er einen selbstbewussten und von seinem
persönlichen Weltbild geprägten Realismus. Bewusst bezog er eine
Aussenseiterposition zu den formalistischen Kunstvorstellungen seiner
Zeitgenossen. Zahlreiche Schüler und Schülerinnen hat er in die
Geheimnisse seiner Formgebung und ihrer plastischen Aussagekraft eingeweiht.
An Karl Lukas
Honeggers Originalität,
seinen brillanten Verstand und seinen messerscharfen Witz erinnern
sich
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heute noch viele seiner Bekannten mit
Freude. Sein künstlerischer Nachlass wird heute von Thomas Buck in der
"Limmat-Stiftung" in Zürich betreut.
Aristide Maillol
(1861-1944) verstarb mit 85 Jahren an den Folgen eines mysteriösen
Autounfalls. Er war vor seinem Tod noch intensiv künstlerisch tätig.
Aristide Maillol wurde mit einem voluminösen und reduzierten Realismus zum
großen Erneuerer der figurativen Bildhauerei am Anfang des 20.
Jahrhunderts. Die schlichte, auf innere Harmonie gründende Schönheit
seiner Plastiken zeigen eine völlig andere Ästhetik, als die expressiven
und unruhigen Figurationen von Auguste Rodin, dem besonders die Suggestion
des pulsierenden Lebens in seiner Formgebung wichtig war.
"Der
schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten ist in der Kindheit zu
suchen", begründete die Bildhauerin Louise Bourgeois (1911 - 2010) ihr
beeindruckendes und vieldiskutiertes plastisches Lebenswerk. Vor allem das
Ab- und Umarbeiten ihrer problematischen Beziehung zu ihrem Vater, einem
chronischen Charmeur und Frauenheld, inspirierte sie zu
provozierend-suggestiven Skulpturen und Installationen aus Latex, Marmor und
Bronze, mit vielschichtigen sexuellen und erotischen Anspielungen, in denen
sie variantenreich die "perfide Macht des Mannes" thematisierte.
Einem breiten Publikum ist sie mit den riesigen Spinnen-Skulpturen ein
Begriff geworden. Sie interpretierte diese als "Mutter-Symbole".
Ernsthaft mit ihrem kreativen Schaffen begann die Künstlerin erst nach dem
Tod ihres Ehemannes Robert Goldwater, mit dem sie 35 Jahre verheiratet war
und mit ihm zwei Kinder großgezogen hatte.
Louise Bourgeois, eine der ganz großen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts,
starb 99 jährig in New York.
Kürzlich
berichtete die deutsche Fachzeitschrift "Psychologie heute" von
einer weltweiten Studie, welche die Lebenserwartung von Männern nach
Berufsgattungen untersucht hat. In ihr wurde nachgewiesen, dass Bildhauer
die längste Lebenserwartung haben. Dies trotz erhöhter gesundheitlicher
Gefahren, die in diesem Beruf durch das Arbeiten mit Gips, Holz und Stein
ständig vorhanden sind.
Kreativität als
Nachholbedarf alter Gestaltungsträume
Seit zwanzig Jahren
leite ich in Zürich Kurse für "Plastisches Gestalten und
bildhauerische Techniken". Diese Kurse können ohne Vorkenntnisse
besucht werden. Genutzt wird das Ausbildungsangebot von Anfängern,
Autodidakten, die ihre selbst erworbenen Kenntnisse vertiefen wollen und
bereits erfahrenen Kunstschaffenden, meistens Keramiker, Maler oder
Grafiker, die ihre Kenntnisse in der dreidimensionalen Darstellung erweitern
wollen.
Das Alter der Kursteilnehmerinnen und -Kursteilnehmer reicht vom 16. bis zu
83. Lebensjahr. Jugendliche, Erwachsene und die über 60jährigen sind
anzahlmäßig ausgewogen, das heißt, jede Gruppe stellt etwa ein Drittel
der Ausbildungsinteressierten.
Der Anteil der Männer umfasst knapp ein Fünftel aller Kursbesucher. Das
ist nach meiner Erfahrung viel. Einen starken Zuwachs an Männern in meinen
Kursen habe ich in den letzten drei Jahren erfahren. Zuvor war das
Verhältnis:
8 Männer auf 130 Frauen.
Auffällig an diesem plötzlichen Zuwachs ist, dass fast alle neu
hinzugekommenen Männer um die 60 Jahre alt, also im Vorpensionsalter sind.
Sie weisen ein hohes Aktivitätspotenzional auf, frei nach dem Motto
"Die wirtschaftliche Karriere haben wir bald abgeschlossen und freuen
uns auf eine kreative Zukunft".
Die Männer haben Berufe wie Techniker, Jurist, Manager, Psychologe, Arzt,
Beamter, Fotograf. An meisten ist der Beruf Architekt vertreten.
Die Teilnehmerinnen stammen aus Berufen der Schule, der Banken, der
Verwaltung und der Medizin. Auffallend klein ist der Anteil an
Nichtberufstätigen.
Frauen über 60 Jahre sind zu zwei Dritteln alleinstehend und waren früher
berufstätig.
Auch sie sind meist hochmotiviert. Ein beachtlicher Teil hat schon einmal
eine künstlerische Ausbildung begonnen oder gar abgeschlossen.
Da ist beispielsweise eine ehemalige Verwaltungsangestellte, die in jungen
Jahren bei einem bedeutenden deutschen Bildhauer studiert hat und die ihre
damals erworbenen technischen Kenntnisse nach ihrer Pensionierung
aufgefrischt hat, um endlich ihre jahrzehntelang zurückgestellten Ideen
plastisch realisieren zu können und dies auch mit erstaunlicher
Selbstmotivation tut.
Ein anderes Beispiel ist die Teilnehmerin die beim berühmten Schweizer
Architekten, Maler und Plastiker Max Bill Sekretärin war. Nach jahrelanger
kunstbezogener Verwaltungsarbeit fasste sie den Entschluss, sich selbst an
das Abenteuer "Skulptur" zu wagen. In der Zwischenzeit existieren
von ihr Werke in Gips, Bronze und Stein die schon in verschiedenen Galerien
gezeigt wurden.
In meiner zwanzigjährigen Kurstätigkeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass
Frauen meist neugieriger, fantasiebegabter und experimentierfreudiger sind
als Männer. Ihre Arbeiten sind thematisch und stilistisch breiter angelegt.
Formal neigen sie eher zu organischer oder realer Formgebung, die sich aus
verschiedenen Vorstellungen heraus mit dem menschlichen Körper
auseinandersetzen.
Männer stehen tendenziell der konstruktiven Formgebung nahe. Dem Mess- und
Planbaren wird der Vorzug gegeben, was sich im Bereich der geometrischen
Plastik natürlich optimal ausleben lässt. Auch ist ihnen ein starker Hang
zu körperlicher Herausforderung eigen. Sie bevorzugen die Arbeit an harten
Steinen, an denen sie Zirkel und Winkel einsetzen können oder die
Herstellung großformatiger Formen, wo auch technische Hilfsmittel verwendet
werden.
Ich möchte jetzt anhand von zwei Kursteilnehmerinnen und einem
Kursteilnehmer näher aufzeigen, wie sich der Entscheid, bildnerisch aktiv
zu werden ausgewirkt hat: Lucie Weil, Marianne Rudolf und
Peter von Burg
sind die anvisierten Personen.
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© Foto: Archiv Edition LEU, Zürich
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Lucie Weil hat
Jahrgang 1939. Aufgewachsen ist sie auf einem schön gelegenen Bauernhof im
Appenzellerland mit Sicht auf den Alpstein.
Sie absolvierte eine kaufmännische Ausbildung im Textilbereich, wo sie auch
die Arbeit der Stickereientwerfer kennenlernte.
1972 wechselte Lucie Weil in die Bankbranche. Sie arbeitete im Bereich des
Kapitalmarktes. Die Bankkarriere beendete sie 1999 als Angehörige des
mittleren Kaders.
Nun hatte sie nach einem hektischen Berufsleben endlich die notwendige Zeit,
sich den schon lange gehegten Wunsch, etwas im gestalterischen Bereich zu
machen, zu erfüllen.
Im September 1999 trat sie als Anfängerin in den Kurs "Gestalten mit
Speckstein" ein.
Die Aufgabe bestand darin, aus einer Auswahl von Steinbrocken ein Exemplar
auszuwählen, und diesen zu einer Skulptur zu verarbeiten. Aus einer
zufälligen wird eine freie Form geschaffen, die in ihren
Bewegungsverläufen
funktionieren soll.
Inzwischen ist das skulpturale Können von Lucie Weil ausgereift: Die
Harmonie der Linienführung, die klare Anlage der Flächen
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sowie das
optische Sichtbarmachen von Textur und Struktur lassen Skulpturen entstehen,
in denen sich meditative Verinnerlichung des Ästhetischen mit der
subjektiven Kraft des Formwillens vereinen.
Die Strenge der Formgebung, biomorphe Formvorstellungen
und Verweise auf anthroposophische Vorstellungen finden in Lucie
Weils
Werken eine sehr persönliche Umsetzung und Realisation.
Die Bezeichnung
"Speckstein" stammt aus der Umgangssprache. Es handelt sich um
eine krypto-kristalline Varietät des Talks.
Der geologisch korrekte Begriff ist "Steatit". Er ist ein
Magnesiumsilikat und weist eine sehr hohe Dichte auf. Er entspricht dem
Härtegrad 1 auf der Mohs'schen Härteskala, die bis 10 reicht und mit dem
härtesten Stein, dem Diamanten endet. In Europa wurde das Material erst im
18. Jahrhundert bekannt. Im Jugendstil wurde er ein beliebtes
Gestaltungsmaterial. In der Kunst sind Speckstein-Werke bekannt, die ein
Alter von 5000 Jahren aufweisen.
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© Foto: Archiv Edition LEU, Zürich
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Marianne Rudolf
wurde 1940 als Tochter eines der ersten Taxi-Chauffeure des Kantons
Graubünden geboren. Der Vater war ein bekanntes Bündner Original.
Aufgewachsen ist sie zweisprachig deutsch und rhätoromanisch in Flims.
Ihre dreijährige Ausbildung an der Töchterhandelsschule in Chur schloss
sie mit dem Handelsdiplom ab. Die ersten Jahre in ihrer Berufslaufbahn war
sie bei den Verkehrsvereinen Flims, Genf und Zürich angestellt.
1966 trat sie in die Filmgesellschaft Warner Bros. in Zürich ein, wo sie
sich in ihrer 23jährigen Tätigkeit von der Direktionssekretärin zur
Reklamechefin hocharbeitete. Marianne Rudolf war verantwortlich für die
Untertitel und die
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Lancierung von rund vierhundert Filmen in der Schweiz,
unter anderem heutige Klassiker wie Federico Fellinis nostalgische
Lebenserinnerung "Amarcord", Lucchino
Viscontis geniale Thomas Mann-Verfilmung "Der Tod in Venedig",
Stanley Kubricks provokante
Zukunftsvision "A Clockwork Orange" und das sagenhafte Epos "Excalibur"
von John Boorman.
I989 beendete Marianne Rudolf ihr berufliches Engagement und ging ein Jahr
auf Weltreise.
Nach einem Bildhauer-Kurs in Italien beschloss sie, sich dieser Kunst zu
widmen und meldete sich für den Kurs "Plastisches Gestalten" an.
Neben dem Arbeiten am Stein entdeckte sie die faszinierenden Möglichkeiten
des Modellierens mit Ton und Gips. Mit zunehmender Festigung der
handwerklichen und formalen Fähigkeiten entwickelte Frau Rudolf eine eigene
bildnerische Thematik, die ihre Wurzeln in den Erlebnissen ihrer Weltreise
hat. Ihre großformatige Huhn-Plastik "Toru Ngutu"
- 3 Schnäbel - hat ihren Ursprung in Neuseeland. Ihr folgte bald als
Pendant das plastische Hahn-Motiv "Toru Hou", was in der
Maori-Sprache "3 Federn" bedeutet.
"Ich will nichts Neues erfinden - ich will die Dinge nur anders sehen
und zusammensetzen, um ihrem tieferen Sinn auf die Spur zu kommen",
definiert Marianne Rudolf ihr künstlerisches Schaffen.
Thematisch wurzeln ihre Plastiken und Reliefs in der Vorstellungswelt der
"Individuellen Mythologie". Marianne Rudolf erzeugt mittels
einfacher Zeichen wie Fisch, Huhn oder Ei symbolhafte Denkprozesse mit hohem
Interpretationsvolumen.
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© Foto: Archiv Edition LEU, Zürich
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Peter von Burg ist
ebenfalls ein "Spätberufener". Er wurde 1934 in Balstal geboren.
Nach der Lehre als Maschinenschlosser liess er sich zum Maschinentechniker
ausbilden. Bis in die 90er Jahre war Peter von Burg in verschiedenen
Kaderpositionen im technisch-industriellen Bereich tätig. Nach
Bildhauer-Kursen in Pietrasanta wechselte er mehrere Jahre in meinen
Tageskurs "Abstrakte Skulptur und figurative Plastik".
Peter von Burg arbeitet heute als 76jähriger ausschließlich als
Steinbildhauer. Sein bevorzugtes Material ist der Marmor. Vor zwei Jahren
hat er den dritten Preis bei einem
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internationalen Bildhauer-Symposium
gewonnen. Dort stand er mit 12 viel jüngeren Kollegen in Konkurrenz. Seine abstrakten Skulpturen haben die Schönheit der Form und die der
Bewegung zum Thema. Er will gerade durch die Materialität seiner Skulpturen
Erfahrungen vermitteln, die auf meditative Ebenen verweisen.
Das Alter als
kreative Chance
Die Zeit des
Alterns ist eine Chance, lange gehegte Träume zu verwirklichen. Endlich das
zu machen, das schon lange herbeigesehnt wurde. Entscheidend ist, dass man
sofort damit beginnt und es nicht hinausschiebt in Richtung des legendären
"St. Nimmerleinstages". Wenn dieses Verhalten vorhanden ist, wird
der Verdacht bald zur Tatsache, dass der Wunsch, künstlerisch zu arbeiten,
bloß ein Phantom war.
Kreativität im Alter soll und muss anspruchsvoll sein, damit Denk- und
Vorstellungsgabe, Einfühlungsvermögen und Bewegungsfähigkeit optimal
erhalten bleiben und sich gar situationsgerecht verbessern. Geschieht dies
nicht, geht es nicht um ernsthaftes kreatives Schaffen, sondern bloß um ein
kreatives Ruhigstellen auf niedrigem Niveau. Der Begriff "Kreativ"
ist grundsätzlich nicht wertgebunden und findet in irgendeiner Form in
allen Lebenslagen statt. Überall wo Probleme gelöst werden müssen, ist
kreatives Handeln im Spiel. Kreativität ist ein Aspekt des Schöpferischen.
Daher ist sie ein wichtiger Bestandteil des Kunstschaffens.
Leider steckt in vielen Kursen und Tätigkeitsangeboten die fatale Ideologie
des "Kindergartens für Senioren". Eine inakzeptable Einstellung,
die älter werdende Menschen mit ihren sehr persönlichen und auch oft
enormen Erfahrungen einfach nicht mehr für voll nehmen will.
Nach der Pensionierung nochmals einen Neubeginn mit einer ernsthaften
Tätigkeit zu wagen, lohnt sich natürlich vor allem für Menschen, die sich
dazu noch stark und fit genug fühlen.
Die künstlerische Tätigkeit ist eine Chance, sich frei zu machen. Seine
eigene Position im Ausdruck seiner Gefühle und Gedanken zu erarbeiten und
darzustellen.
Dies ist in der Bildhauerei auch dann möglich, wenn die körperlichen
Kräfte etwas nachlassen. Da ist zum Beispiel das Arbeiten im Ton mit seiner
uralten Tradition. Er lässt viel Raum für das Experimentieren mit dem
Material, ist leicht formbar und kann zum Beispiel als Terrakotta-Plastik
gebrannt werden. Der eingesetzte Kraftaufwand ist verhältnismäßig gering.
Es gibt auch ein breites Angebot von selbst aushärtenden Modelliermassen
auf dem Markt. Eine weitere Technik ist das direkte Formen mit Kunststein.
Voraussetzung ist hier jedoch eine möglichst klare Vorstellung von dem zu
schaffenden Werk. Ist die Vorstellung des Motivs reif zur Ausführung, wird
das Material um ein Metallgerüst modelliert oder auf eine zuvor
zugeschnittene Schaumstoff-Form aufgetragen, die dann im Zeitraum eines
Tages trocknet.
Kunststein ist gemahlener Naturstein, der mit Zement im Verhältnis zwei zu
eins vermengt wird, so daß eine Masse entsteht, deren Konsistenz etwa
Butter entspricht. Weil Kunststein aus verschiedenen Gesteinsarten gewonnen
wird ergibt sich eine größere Auswahl an Farben. Dies ist eine
Form-Technik die wir in unserer Schule in den letzten Jahren immer
weiterentwickelt haben. Sie stellt kaum Anforderungen an die Kraftreserven.
Sie wird besonders von Personen geschätzt, die Muskel- oder Gelenkprobleme
haben. Es ist eine Technik, die dem geschaffenen Werk eine lange
Beständigkeit sichert.
Es gibt eine weitere positive Motivation, mit der künstlerischen Arbeit
nach der Pensionierung zu beginnen: Die Existenz ist gesichert und dies ist
die Voraussetzung für einen wirklich freien Künstler oder eine freie
Künstlerin.
Jüngere professionelle Künstler haben oft einen sehr harten Existenzkampf.
Sie müssen Kompromisse eingehen, um Aufträge zu erhalten und leben unter
dem Druck, ständig um Kontakte bemüht zu sein, um sich die notwendigen
Vertriebsstrukturen wie Galerien, Wettbewerbe und Presse für ihre Arbeit zu
sichern.
Als Mensch, der seinen Brotberuf hinter sich hat, kann man in der Kunst
wirklich frei sein. Man darf sein Schaffen nach seinem Temperament
ausrichten, kann in Ruhe experimentieren, ohne die Angst der Jüngeren zu
haben, seinen anerkannten Stil zu verlieren. Man kann sich auch genügend
Zeit für die Ausführung seiner Werke nehmen. Der wirtschaftliche
Produktionszwang fällt weg, so dass man zwar weniger, aber vielleicht
überzeugendere Werke schaffen kann.
Künstlerkarrieren sind auch im reifen Lebensalter möglich. Sie sind aber
oft nur von außen betrachtet angenehm und zerren in Wirklichkeit nicht nur
an den Nerven, sondern behindern oft auf unangenehme Weise die Arbeit.
Karriere, Kunstpreise, Ausstellungen und Pressepräsenz sind nicht das, für
das ein echter Künstler und die echte Künstlerin leben. Echte Erfüllung
finden sie in der Selbstvergessenheit des Schaffensprozesses. Im Erlebnis
formaler Erfahrung und materieller Realisation. In der Bildhauerei
manifestiert sich der Geist durch die sinnlichen Qualitäten des Materials.
Nicht zuletzt ist auch die körperliche Ermüdung durch elementare Arbeit an
etwas Entstehendem eine nicht zu unterschätzende Befriedigung.
Ich bin jetzt rund vierzig Jahre als Kunstschaffender tätig, aber echte
Freiheit, genügend Ruhe für meine Arbeit, die mir wirklich wichtig ist,
werde ich vermutlich auch erst im AHV-Alter haben, vorausgesetzt, die
Gesundheit macht mir keinen Strich durch die Rechnung.
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen, meinen älteren Schülern und mir, dass
wir möglichst lange mehr Freude an der Gegenwart als an der Vergangenheit
haben.
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