Kunstschule Al'Leu
Eidg. dipl./akad. Bildhauer

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Kurse
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Michael West

Befreite Fantasie: 
Das Alter als Chance, endlich die Kreativität
auszuleben

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© Bildarchiv der Edition LEU, Zürich

Eine Frau schlägt zu: Marianne Rudolf (67) bearbeitet mit Hammer und MeisseI einen Marmorblock. Der schneeweisse Würfel hat nur eine Kantenlänge von fünfzig Zentimetern. Doch er wiegt so viel wie ein kleines Auto, rund eine Tonne.

"Schon die Arbeit mit Sandstein ist anstrengend", sagt die grauhaarige Frau. "Aber Marmor ist viel härter. Seit ich mit diesem Werkstoff kämpfe, sind meine Bizeps dicker geworden. Das ist richtiges Krafttraining."

Seit sieben Jahren besucht Marianne Rudolf bei der Klubschule Migros einen Lehrgang für plastisches Gestalten. Das Atelier in Zürich ist von Wolken aus feinem Gips- und Steinstaub verhüllt. Zwölf Kunstbegeisterte zwischen 16 und 80 Jahren meisseln und schleifen an ihren Werken. Allen gefällt, was Marianne Rudolf erschafft. "Sie hat eine starke Fantasie", lobt Kursleiter Al'Leu. "Und vor allem hat sie das Talent, ihren Träumen Gestalt zu geben."

Fantasiewesen aus Gips Auf Sockeln aus Holz stehen zwei Skulpturen, die Marianne Rudolf aus Gips gegossen hat: ein Huhn mit drei Schnäbeln und ein Gockel, der sich so gewaltig aufplustert, als wollte er sich in einen Ballon verwandeln. "Ich möchte die Tiere nicht realistisch abbilden, sondern ihr Wesen einfangen", erklärt die Bildhauerin. "Das Huhn ist so nervös, dass es gleichzeitig in drei Richtungen blickt. Und der Gockel platzt fast vor Stolz." Rund achthundert Stunden hat sie an den beiden Werken gearbeitet bis sie schliesslich ihrer Vision entsprachen.

Während dreiundzwanzig Jahren war Marianne Rudolf Werbespezialistin bei der Schweizer Niederlassung eines grossen US-Filmverleihers. "Diese Arbeit liess mir einigen Raum für Kreativität", erinnert sie sich. *Es machte mir grossen Spass, Werbetexte zu formulieren und Inserate für Filme zu gestalten." Bei glanzvollen Premieren plauderte sie mit Federico Fellini und Clint Eastwood, der ihr riet, Drehbücher zu schreiben. Bei einem Dinner sass sie am gleichen Tisch wie Sophia Loren. Alles wurde anders, als ein neuer Chef kam, der eine Reihe von Stellen mit jungen Leuten besetzte. "Ich fühlte mich wie auf einem Schleudersitz", erzählt die Filmexpertin. "Schliesslich ging ich freiwillig."

Der damals Neunundvierzigjährigen gelang es nie mehr, eine gleichwertige Stelle zu finden. "Ich war für den Arbeitsmarkt zu alt", sagt sie. Dreizehn Jahre lang schlug sie sich mit Jobs durch, bei denen sie kaum eigene Ideen verwirklichen konnte. Sie leitete das Sekretariat in einem riesigen Lagerhaus oder führte Statistiken für einen Schuhimporteur: "Es kam mir vor, als werde meine Fantasie unter einem Gebirge von Zahlen begraben", erzählt sie. Bildhauerei als Befreiung Erst gegen Ende ihres Berufslebens fand die talentierte Frau Zeit, um die Ausbildung als Bildhauerin zu beginnen. Als sie erste Figuren aus Ton knetete, fühlte sie sich befreit. Endlich konnte sie wieder Ideen verwirklichen und ihnen sogar eine greifbare Gestalt geben.

Ähnliche Erfahrungen wie Marianne Rudolf machen zahlreiche andere Menschen ihrer Generation. "500'000 Leute besuchen jährlich unsere Kurse. Darunter viele ältere Menschen, die endlich in der Lage sind, ihre Kreativität zu entfalten - sei es, dass sie auf klassische Art mit Ölfarben malen, fotografieren und filmen oder am Computer Kunst gestalten", sagt Ariane Lang, Pressesprecherin der Klubschule Migros.

Kursleiter Al'Leu erlebt im Lehrgang für plastisches Gestalten immer wieder, wie älteren Teilnehmern herausragende Werke gelingen. "Sie arbeiten mit besonderer Geduld und Beharrlichkeit", erklärt er. "Und sie verwirklichen Ideen, die über viele Jahre gereift sind. Die älteren Teilnehmer bereichern den Kurs. Und die oft anstrengende Bildhauerei hält sie körperlich fit". Zudem sei die Arbeit an Skulpturen Denksport, weil es dazu viel räumliches Vorstellungsvermögen brauche.

Für Marianne Rudolf hat die Bildhauerei nur einen Nachteil. "Die Skulpturen brauchen Platz", sagt sie, "in meiner Zweizimmerwohnung wird es immer enger." Nach einer ersten Ausstellung im Ortsmuseum Wollishofen hofft sie nun, einige ihrer Werke verkaufen zu können. "Sonst muss ich mein Bett irgendwann an der Decke aufhängen..."

Migros-Magazin 8 
19. Februar 2007

 
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Info: Marianne Rudolf
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Info Kursleiter: Al'Leu
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