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Kritiken
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Al'Leu

Topographie der Emotionen

Erschienen in der Literaturzeitschrift
HARASS Nr. 12 · 2001

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Amaya Lorenzo Heinze


Die sprachliche Dichte von Ursula Heinze de Lorenzos Gedichte belegt anschaulich Günter Kunerts Feststellung, "dass wir etwas Definitives über das Gedicht kaum zu erfahren vermögen. Wir können nur in uns selber eine mehr oder weniger praktikablere Vorstellung vom Gedicht ausbilden. Ich wage sogar die Behauptung, dass die Unmöglichkeit einer vollständigen Aufhellung des Sachverhalts 'Gedicht' seine Fortdauer überhaupt bewirkt..."

Der Gedichtband "Atlantisches Tief" zeigt einen Landschaftsbegriff, der aus regionalem Konzentrat und geographischer Öffnung Resonanzen aufbaut:


Seit ich im Süden bin / reicht mir der Norden / dieses Südens / bis in den Westen.

Poetische Grenzenlosigkeit erzeugen Ursula Heinze de Lorenzos Gedichte aber erst dort, wo Landschaft Synonym für Emotion wird:

Steht mir nicht bei / in meinen Stürmen.
Leicht atmet mich / ein Traum hinweg.
Da lege ich Flügel an, / als ob mich sonst / nichts trüge.

Das intensive Wechselspiel von traumartiger Atmosphäre und die eigenwillige Reduktion der Sprache verschaffen den persönlichen Emotionen der Autorin literarischen Ausdruck:

Aus der Erde / in die Erde / rinnt mein Land / Galicien immer / und kein Ende /gräbt das Ende aus.
Grün verschlafen / winkt das Haus / den Winden / schüttelt / Horizonte durch.
Deine Ränder / will ich greifen / wenn das Dunkel / überläuft.

Unter der Kargheit der Sprachform glimmen immer wieder Restbestände von poetischem Pathos. Emotionales Leid geistert durch diese Gedichte. Trauer und Verlusterfahrung werden mittels sprachlicher Konzentration situativ eingegrenzt:

Abschied der Tür / ich schlage zu / auch wenn der Schlüssel / sich verletzt.
Kaltfront im Haus. / Die Zahl der Fenster / regnet ein / und unterm Dach der Schmerz/ der im Gebälk /  verholzt.
Der schwerste Blick / kann diese Balken nicht ertragen.

Ursula Heinze de Lorenzos Gedichte bauen beim Lesen eine starke Hermetik auf. Es lohnt sich diese Mehrschichtigkeit mit Einfühlung und Ruhe aufzuarbeiten:

Dein Norden / drückt auf / meinen Süden / tropfnass / wie frühes Licht / das sein Kalenderdatum / 
löscht.
Manchmal / dein Bild / lodernd im Hintergrund / damit das Feuer / nicht verbrennt.


Trotz der Tendenz zur Sprachstrenge wechseln in Ursula Heinze de Lorenzos Gedichtband "Atlantisches Tief" die Tragik des Spiels, und das Spiel der Tragik ihre Rollen mit beeindruckender poetischer Leichtigkeit ....

Ursula Heinze de Lorenzo
Atlantisches Tief
Gedichte
Verlag Edeltraut Gallinge, Mainaschaff
ISBN: 3-930684-44-6

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