|
|
Al'Leu Bildhauer und Publizist Badenerstrasse 133 Postfach 1726 CH- 8048 Zürich Tel.: 0041 (0)79 639 22 15 Fax: 0041 (0)44 810 31 91 E-Mail: alleu@bluewin.ch Homepage: www.al-leu.ch Vernissageeröffnung |
![]() |
| ____________________________________________________________________________________________________________________________________________________ |
|
Al'Leu Werkjahrpräsentation von Vlado
Franjevic Vernissagrede 17. April 2004 |
| ____________________________________________________________________________________________________________________________________________________ |
|
© Foto Martina Leu: Vlado Franjevic und Al'Leu |
|
Aus einer anfänglich kaum steuerbaren, traumhaft-assoziativen Emotionalität, sowie dem bewussten individuell- kommunikativen Handeln innerhalb multimedial -interaktiver Bezugsfelder, verdichten sich die bildnerischen und literarischen Konglomerate zu enormer Vieldeutigkeit. So ist beispielsweise der Zyklus "Beschämend" von Vlado Franjevics Erfahrungen aus provokant-spielerischen Gesprächen mit Zeitgenossen, die von ihrer Modernität und Aufgeschlossenheit voll und ganz überzeugt sind, inspiriert. Verschiedene Materialien, die anfänglich nicht zusammengehören, werden durch die Intervention des Künstlers sinnlich und optisch so zusammengeführt, dass sich neue Aussagen formieren. Es handelt sich um gelbbemalte Holzplatten mit meist unregelmässigen, oft aber zeichenhaften Konturen. Diese collagenhaft verschnürten Materialbilder stattet der Künstler auch mit Textpassagen aus. Sie sind verführerisch: Diese Texte stehen nicht im Zentrum der Bildaussage, sondern haben die Funktion, den Betrachter oder die Betrachterin zu verleiten, sich eigene Bilder im Kopf zu schaffen, die von der eigentlichen Bildaussage wegführen... Vlado Franjevic zeigt hier auf originelle Art die Problematik der Vermischung von "Bild" und "Text" auf jenen Ebenen, in denen sich die Charakteristik dieser Kommunikationsformen so zu konkurrieren und durchdringen beginnen, dass Irritation und Rätselhaftigkeit sich Zentralpositionen aufbauen können. Vier grossformatige Bilder, die Frauen- und Männerfiguren zeigen, betonen die stoffimmanenten Qualitäten des Malerischen wie Transparenz, Dichte, Auflösung, Vertiefung, Tonwerte, Auftragscharakteristik, Duktus, Ein- und Ausgrenzungen, sowie die emotionale oder kalkulierende Wahl des Farbeinsatzes. Diese Bilder verdeutlichen, dass Vlado Franjevic neben seinem enormen philosophisch-literarischen Potenzial sich auch der reinen Emotionalität der Sinnlichkeit von Farben hingeben kann, die sich jeder literarischen Nachvollziehbarkeit entzieht. Das Fundament dieser Werkgruppe bilden drei mal dreiunddreissig gleichformatige bemalte Kartons, die der Maler sehr schnell und intuitiv wie nie zuvor bemalt hat. Das Unbewusste zeigt hier die Spuren seiner triebhaften Kraft. Ein zweiter Schaffensabschnitt ist das gestalterische Eingreifen durch Reflektion und Bereinigung, so dass Spontaneität und Ordnung ihre grösstmögliche Balance finden können Die mosaikartige Formentwicklung und Formfindung im Schaffen von Vlado Franjevic ist eine Methode, durch die das Setzen von Fixpunkten ermöglicht, um so die kreative Energie prozesshaft zu bändigen, damit sie zunehmend die Ruhe zum Ergebnis findet. Das Mosaik als Prinzip ist hier aber auch ein Sinnbild für die Vielschichtigkeit des Künstlers, der ja auch eine Forscher- und Sucherpersönlichkeit ist und ganz genau weiss, dass Wissen ohne künstlerische Dimension unmenschlich, und Kunst ohne Wissen keine Erfahrungsqualitäten entwickeln kann. Stark von Gefühlen und Erinnerungen ist die fünfzig teilige Arbeit mit überarbeiteten Fotos aus der Kinderzeit der Tochter von Yvonne und Vlado Franjevic - Heeb geprägt. Sie verweist auf die schlichte Unmöglichkeit, Lebensmomente festzuhalten. Die geschnürten Fixierungen um die Fotos visualisieren eindrucksvoll die Hilflosigkeit des Menschen gegenüber dem unumkehrbaren Fliessen der Zeit und dem allmähliche Entschwinden der Erinnerung im Nebelartigen des Vergessens. Ergänzt wird diese Werkgruppe durch eine kleinformatige Reihe rotschwarzer Tafeln, in der Kinderzeichnungen der Tochter eingearbeitet sind. Auf fünf weissen Sockeln thronen fünf gleichformatige Stoffkissenobjekte. Sie wecken Assoziationen an Laternen, aber auch an Gefässe. In ihrer Vierheit enthalten sie aber auch den Querverweis auf die Himmelsrichtungen. Mit dem PC-Drucker angebrachte, farbige Reisefotos, die nachträglich malerisch weiterbearbeitet wurden, verstärken diese Vermutung. Es sind sehr poetische, zerbrechlich erscheinende Werke. Sinnbilder für jene Sehnsucht nach Geborgenheit, die Reisende immer tief in ihrem Innern haben. Hier wird Vlado Franjevics Fähigkeit besonders deutlich, klassische Methoden der Tafelmalerei mit den neuen Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung optimal zu verknüpfen: Die gemalten Bilder werden nach einem gewissen Entwicklungsstand eingescannt, digital bearbeitet, auf Textilien ausgedruckt, zusammengenäht und anschliessend manuell weiter bemalt. Eine weitere signalisiert mit tachistisch-kraftvollem Malduktus vaginale Kompositionen. Hier ist besonders subtile Einfühlung in die Thematik angebracht, da es sich um Motive handelt, aus dem ein weiter Bereich der klassischen Psychoanalyse ihr Kapital schöpft. Diese Bilder visualisieren den Spannungsstau, welcher sich in der Unvereinbarkeit zwischen der primitiven Kraft der Sexualität und den ideologisch hochgeschaukelten Anforderungen zivilisierter Moralvorstellungen aufbaut. Es sind Bannbilder, die aus der Urangst vor dem Durchbrechen archaischer Lebenskräfte gespiesen werden. Diese Werke haben nichts mit Frauenfeindlichkeit oder der kommerziellen Hochglanzpapierpornografie zu tun, sondern sind prähistorischen Bildschöpfungen verwandt , welche Geburt und Tod als Magie der Ahnen deuteten. Vlado Franjevics siebenteilige Folge "Ausserhalb des Systems" macht dem Betrachter und der Betrachterin auf poetisch - ironische Art bewusst, dass der Bildtitel eine Illusion ist: Es gibt kaum etwas, das nicht zu den Voraussetzungen eines Systems strebt. So gesehen visualisiert der Künstler die Voraussetzungen für die Selbstreferenz eines Sinnsystems. Als Schrein entschwundener schriftlicher Kommunikation und deren technologischer Distanzüberwindung von Raum und Zeit ist eine weitere grossformatige Wandinstallation von Vlado Franjevic zu verstehen. In ihr hat der Künstler die alte und umfangreiche Briefmarkensammlung eines Freundes verarbeitet. Die Wertzeichen stammen aus verschiedenen Ländern Europas. Die strenge Komposition mit ihrer Zentrumslosigkeit lockert Ihren Charakter durch subtile Rhythmik in der Klebeanordnung auf. In den Internetaktivitäten von Vlado Franjevic wird der Wunsch sichtbar, sich möglichst nahe an der Echtzeit in schöpferischen Parallelwelten zu bewegen. Interaktive Kunst und Literatur im Internet ist ein Spiel mit dem Verlorengehen und Auflösen des individuell geschaffenen Originals. Ins Netz entlassene Werke sind ungeschützt der Willkür fremder Eingriffe ausgeliefert. Das blitzschnelle, weltweite Reagieren auf Texte und Bilder ist genauso verführerisch wie einmalig. Diese Rezeptionsform wird mit Sicherheit ein fester Bestandteil des zukünftigen Literaturschaffens werden. Inhaltliche und formale Veränderungen durch Fremde bedeuten aber immer auch den sicheren Tod der Ursprungsidee. Jeder Diskurs über Eingrenzung ihrer Mutationen führt ins Sinnlose; und zwar in der tiefsten Bedeutung des Wortes. Solche Experimente beweisen in ihrem Ergebnis immer wieder den einmaligen Wert des künstlerischen Originals mit seinen psychopathologischen und soziokulturellen Quellen. Im Rahmen der Ausstellung sind auch zwei Filme zu sehen: Im ersten hält Vlado Franjevic seine Eindrücke während seines Studienaufenthaltes in Köln fest. Im zweiten Dokumentarfilm sind die spontanen Reaktionen von Menschen auf die Frage: "Was wissen Sie über Liechtenstein?" aufgezeichnet, denen der Künstler auf seiner Reise nach Köln, Berlin, Grenoble, Sophia und Kroatien zufällig begegnet ist. Die beeindruckende Vielfalt von Vlado Franjevics Werkpräsentation hier im Atelier11 ist nur durch das "Werkjahr" des Fürstentums Liechtenstein möglich geworden. Dieses "Werkjahr" hat Vlado Franjevic den notwenigen wirtschaftlichen Freiraum verschafft, diese Werke hier zu realisieren. Ich danke im Namen des Künstlers denjenigen Personen, welche den Mut, aber auch das Vertrauen haben, einem am Anfang einer ernsthaften Karriere stehenden Kunstschaffenden eine für ihn wichtige Chance zu geben. Diese Personen unterscheiden sich deutlich von denjenigen, - und das ist die Mehrheit der Kulturkommissionen,- die nur immer jene fördern, welche bereits unbestrittene Grössen des Kulturbetriebes sind. So ganz nach dem Motto: "Der Teufel scheisst am liebsten auf die grössten Haufen". Meine Damen und Herren, der Kunstbetrieb hat Aehnlichkeiten mit einem Vulkan: Das Eruptive ist das Potenzial und die Kraft des Anfangs; das herunterfliessende Magma das noch mehr oder weniger Formbare auf der schaffensbiografischen Ebene; das erstarrte Lavagestein kann bestenfalls in oder an einem Museum verarbeitet werden. In diesem Sinn ist Kulturförderung mit Risikofaktoren wie diesen hier ein klares Bekenntnis zu Innovationswillen und Zukunftsorientierung.... |
| ____________________________________________________________________________________________________________________________________________________ |
| zurück |