Farben und Körper 2017

Stefan Härdi und Andreas Jaun

Vernissagerede von Al'Leu

22. September 2017

 

Das Schaffen von Andreas Jaun und von Stefan Härdi ist von prinzipiellen Gegensätzen bestimmt.

 

Die Ausstellung in der „Galerie am Lindenhof“ bilden diese formalen und stofflichen Gegensätze jedoch eine ideale Einheit.

 

 

 

Andreas Jaun mit seinen auf Dauer, Klarheit und Materialschönheit ausgerichteten Plastiken sind von Stefan Härdis Bildern umgeben, die in ihrem gestischen Charakter das Vorläufige, Momentane und vor allem das Prozesshafte thematisieren.

 

Zusammen zeigen die beiden Künstler in ihren Werken die zwei existenziellen und auch widersprüchlichen Grundbestrebungen des menschlichen Seins:

 

Auf der einen Seite das Bemühen um Beständigkeit und auf der anderen Seite den ständigen Drang nach Veränderung.

 

 

 

Stephan Härdi

 

Im Prozesshaften der Malerei von Stefan Härdi tritt ein sich ständig wandelndes Metaphernkonzentrat an die Bildoberfläche, in dem das Momentane versucht, bildnerische Dauer zu erlangen, bevor es sich

 

wieder in etwas Neues oder ganz anderes wandelt.

 

 

 

In seinen Bildern kumulieren das Ungewisse und das Unerwartete zu einer magischen Kraft, die ihre eigene Stofflichkeit im nahezu unendlichen Spektrum zwischen deckenden, oft auch roh verkrusteten Farbschichten und der fein abgestuften Transparenz in den Lasuren thematisiert.

 

Die vielfältigen Variationen aus glatten Oberflächen, vulkanartig aufbrechenden Verwerfungszonen, klaren Eingrenzungen und Furchenverläufen in der Tektonik des Farbauftrags visualisieren Prozesse eines sich selbst organisierenden bildnerischen Daseins mit einem beinahe unerschöpflichen Interpretationspotenzial.

 

 

 

Stefan Härdis Bilder sind ein Konglomerat aus meditativer Innerlichkeit und einer beeindruckenden gestisch-expressiven Kraft.

 

Die Verwirbelungen und Turbulenzen in den Werken von Stefan Härdi reichern ein grosses Potenzial an malerischer Energie an, die sich immer wieder auf rätselhafte Weise stabilisiert, um eine tiefe meditative Ruhe in den prozesshaft erstarrten Farbtektoniken und in der Dynamik der sich immer wieder variationenreich formierenden kristallinen Figurationen zu finden.

 

Das künstlerische Schaffen von Stefan Härdi ist ganz im Sinne von Dieter Körber, der einmal erklärte:

 

„Die Kunst ist Schöpfung. Was sie hervorbringt, ist das Neue, das nicht Vorhandene. In jedem Werk entsteht eine neue Welt, die aus ihrer eigenen Mitte lebt. Der Künstler ist ein Offenbarender, der im Gewebe seiner Schöpfungen letzte Zusammenhänge des Lebens enthüllt, welche er im Anschauen der Natur hellsichtig erkannt hat“.

 

 

 

Andreas Jaun

 

Die Plastiken von Andreas Jaun sind inspiriert vom menschlichen Körper.

 

Seit seiner letzten Ausstellung hat er konsequent an seinen Zentralthemen „Torso“ und „Kopf“ weitergearbeitet.

 

Zwei Motive, welche man als archetypisch in der europäischen Bildhauerei bezeichnen kann.

 

Der künstlich geschaffene Torso hat allerdings eine verhältnismässig

 

junge Geschichte.

 

Erst im 19. Jahrhundert wurde er als eigenständiges Motiv von den Bildhauern geschaffen, erforscht, auf neue Art interpretiert und zur Darstellung gebracht.

 

Eine zentrale Rolle im künstlerischen Hervorheben des „Torso“ als autonomes Thema spielt der französische Bildhauer Auguste Rodin.

 

 

 

Torsos aus früheren Zeiten sind immer Restbestände von ganzen Figuren, die als Folge von Kriegen, Erdbeben, Transportunfällen oder bedauernswerte Zerstörungsopfer von religiösen oder politischen Konflikten.

 

 

 

Das Faszinierende am Thema „Torso“ ist seine Variationsfähigkeit: Innerhalb eines klar vorgegebenen Motivs muss er zu einem unverwechselbaren Werk gestaltet werden, damit in ihm möglichst viel von der Einzigartigkeit des Bildhauers oder der Bildhauerin einverleibt wird.

 

Andreas Jaun stellt sich dieser schwierigen Herausforderung und schafft Werke, die eine optimale Balance zwischen architektonischer Strenge und organischer Bewegung anstreben.

 

Sein Prinzip heisst: „Das Notwendige schafft die Form“. Das Ergebnis sind

 

spannungsreiche plastische Variationen zwischen den Eigenschaften „gebaut“ und „gewachsen“.

 

Seine Plastiken sind formale Verdichtungen von Formzuständen zwischen geometrischer Strenge und deren subtiler Auflösung in die Bewegung. Auch die Veränderung der Positionen in seinen Plastiken wandelt immer auch ihren plastischen Zustand und ihr optisches Erscheinen im räumlichen Kontext.

 

Andreas Jaun hat in seinem Schaffen zwei Vorgehensweisen: Das Aufbauen der Plastik und das skulpturale Herausarbeiten aus einem Tonblock.

 

 

 

Materialcharakter und Volumen erzeugen in Andreas Jauns plastischen Werken poetische Wechselspielezwischen Licht und Schatten.

 

Das Ideal der Plastiken und Skulpturen von Andreas Jaun sind klar begrenzte, ruhig und fest gebaute Formen, deren Ästhetik aus einer ausgeprägten Sensibilität und Sorgfalt für das bearbeitete Material entsteht.

 

 

 

Die raffiniert aufgetragene Patina und das materialgerechte Schleifen verleihen seinen Werken eine genauso ausdrucksstarke wie faszinierende Eleganz.