Gedanken am eigenen Grab


Der Freischütz / Nr. 86 / 2004, Muri (AG), Text von Rolf Dorner

© Foto: Martina Leu
© Foto: Martina Leu

Mit Kettengerassel bugsierten die Gehilfen des Bildhauers meinen Grabstein an seine endgültige Lage. Ich sah zu, musste einfach zusehen, obwohl ich alles nur durch einen Tränenschleier sah. Wenn alles nach Plan verlaufen wäre, würden meine Frau und ich nun als frisch Pensionierte in Namibia an einer Rundreise teilnehmen. Vom Ernten hatten wir gesprochen, vom Ernten nach vierzigjährigem gemeinsamen·Säen. Doch nun stand ich hier auf dem Friedhof, 'alleine' im Schatten eines Baumes, wie vergessen und übriggeblieben. Meine Helga hatte schon über den Jordan gehen müssen. Alles war anders gekommen...

Knirschend liess sich der einskommazwei Tonnen schwere Steinblock in seinem für Jahrzehnte gemachten Fundament aus Steinblöcken nieder. Einer der Gehilfen brachte einen Eimer mit Mörtel. Noch durften die Gurten am Kranhaken nicht gelöst werden.Wie schon auf dem schlichten Holzkreuz, war es das Wort Helga, der Name meiner Frau auf dem Grabstein, was mich erneut aufwühlte. Eine Seltenheit auf einem Grabstein: Alle Schriften wurden erhoben, und nicht vertieft herausgemeisselt. Bildhauerarbeit pur. Für mein Gefühl ging mir das Wort "Helga" in dieser dreidimensionalen Form weniger nahe. Wenn man schon einen Freund hat, der auf Plastiken und Reliefs spezialisiert ist, lag diese Umsetzung auf der Hand.

 

Stein aus Burgund

Das Steinmuster, das er mir gezeigt hatte, sprach mich auf Anhieb an. "Den will ich!" Comblachien-Fleury heisse der Stein und komme aus dem Burgund, erklärte mir Al'Leu, der Bildhauer. Mit bloss 180 Millionen Jahren auf dem Buckel sei er noch nicht einmal steinalt. "Fleury" gefiel mir ..Als ich den riesigen, fast zwei Tonnen schweren Block zum ersten Mal roh im Atelier in Zürich sah, wurde mir bewusst, dass das auch mein Grabstein war - eines Tages. Gott sei Dank kennen wir weder Ort noch Stunde.

© Foto: Martina Leu
© Foto: Martina Leu

"Natürlich habe ich mir Gedanken über Beschriftung und Visualisierung gemacht", hatte ich auf Al'Leus Frage hin geantwortet. Ich wolle kein Kreuz, keine Ähre, nicht Albrecht Dürers betende Hände, kein wie auch immer gestaltetes PAX oder Alpha und Omega."Hier: Unsere Lebenslinien!", erklärte ich, während ich mit dem Finger zwei schwungvolle Kurven auf dem Stein andeutete, die wie ein Flammenpaar aus der Erde schossen und himmelwärts strebten.Al'Leu, der meine Frau auch gekannt hatte, zog ein Stück Papier hervor, lächelte stolz und sagte: "Dann sind wir uns ja fast einig!" Sein Entwurf, ebenfalls eine Lebenslinie, wirkte, entsprechend schraffiert, bereits auf dem Papier dreidimensional.

 

Leben auf Zeit

Während die Gehilfen die weggeschaufelte Erde brachten und auf dem Grab verteilten, wurde mir bewusst, dass schon bald Allerheiligen nahte. Als Kinder und später auch als Schüler mussten wir an diesem Feiertag zusammen mit der Familie auf den Friedhof, um die Verstorbenen zu besuchen. Es war immer grau und kalt, hatte manchmal schon Schnee und roch nach frischer Erde, Moder und Astern. Noch heute friere ich an die Zehen, wenn ich nur daran denke.

 

"Ich meide die Gärten der Toten", hatte ein Gedicht begonnen, das ich als Hausarbeit zum Thema "Allerheiligen" am Gymi geschrieben hatte, das später sogar veröffentlicht wurde:

 

"Doch plötzlich stehe ich an der Mauer

neben Zypressen, Blutbuchen und Kreuzen

von beklemmender Stille umhüllt...

Benommen ringe ich nach Atem

als hielte eine Hand meinen Hals...

 

"Immer hatte ich einen Bogen um Friedhöfe gemacht! Ahnte ich, dass ich einmal zu den wenigen Menschen gehören würde, die viel zu früh ihren geliebtesten Menschen zu Grabe tragen müssen, und folglich noch viel Zeit "auf dem Friedhof" verbringen würde?

 

Mein Blick fiel auf unseren Stein. "Alles hat seine Zeit" steht neben den beiden Lebenslinien, ebenfalls in erhobener Schrift. Ich lebe nur noch auf Zeit, seit jener dunklen Nacht, dem Fall vom Glück ins Nichts. Nur noch auf Zeit? Genau genommen lebe ich im Bewusstsein, noch auf Zeit ein paar Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte bei, meinen Kindern und Enkeln verbringen zu dürfen. Leben auf Zeit heisst für mich, dankbar jeden Tag er-leben zu dürfen und das Ende zu akzeptieren. Nach Mark Twain: "Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden".

 

Am Sonnenhang

Wie schon am ersten Tag in unserem Heim am Rohrdorfer Hang hatten wir uns immer wieder gerufen, wenn die Sonne unterging. Auf der Terrasse hatten wir dann das Naturwunder gemeinsam wortlos bestaunt. Die Sonnenuntergänge am Berg sind Schauspiele Gottes. Nach jeder Vorstellung greift er zu anderen Farben, Wolken und Sonnenstrahlen, um mit entsprechender Beleuchtung immer noch grandiosere Stimmungen zu schaffen. Einen Heiden würde dieser Anblick bekehren! Wir liebten unser Haus, das wir nach langem Schaffen erworben, ja geerntet hatten, die Aussicht über das Tal der Reuss und den abendlichen Höhepunkt. Manchmal waren die folgenden Stimmungen in Rot-, Gelb- und Grüntönen noch faszinierender als der eigentliche Sonnenuntergang.

 

Alles hat seine Zeit! Mein etwas aussergewöhnlicher Wunsch nach einem Grabplatz mit Blick zur Abendsonne konnte von den Verantwortlichen des Gottesackers erfüllt werden. Die Sonne! Die Sonne fehlte auf dem Werk des Bildhauers. Noch in Sins und Wettingen bei Eugen und Eduard Spörri hatte AI'Leu sich ausbilden lassen, nach dem Besuch der Pariser Ecole de dessin et peinture. An der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen hatte er sein Handwerk - die Kunst, in Steinen ruhende Gebilde hervorzuholen, - zur Meisterschaft gebracht. - Die Sonne fehlte. Aus Platzgründen. Auch nur angedeutet, hätte das Werk überladen gewirkt.

 

Keine Sonne für Helga? Der Künstler hatte eine Idee! Ich war Feuer und Flamme, spürte einmal mehr, wie wir uns beide bei der Geburt des Grabmals einbrachten und ergänzten. Man bestellt einen Grabstein nicht einfach so wie einen fertigen Gartenkamin.

 

Für kaum jemand sichtbar, denn wer schaut schon hinter einen Grabstein (!), geht unsere Sonne nun auf der Rückseite des Steines unter. Manchmal, tagsüber, kommt es mir allerdings so vor, als ginge die Sonne dort, nur für mich sichtbar, auf.

 

Gedankenaustausch mit dem Bildhauer

Dass sich Al'Leu sogar das gleiche Motiv für den Grabstein ausgedacht hatte, hat mich sehr beeindruckt. Darauf angesprochen, sagte er: "Im Vorfeld einer Grabsteingestaltung lasse ich mich über das Leben und die Besonderheiten des betroffenen Menschen informieren. Diese Informationen bilden die Voraussetzung für die Ideen zu mehreren Entwürfen eines personenbezogenen Grabmals. - Ein Grabmal erfüllt seinen Sinn nur dann, wenn es einen Bezug zu der verstorbenen Person hat.

 

"Ich kam auf die neuerdings in Indien in Kinderarbeit hergestellten Grabsteine für den Schweizer Markt zu sprechen. Al'Leu: "Serien- und Industriegrabsteine sind in diesem Sinn auch Trauerdokumente, da sie unfreiwillig die Gefühls- und Beziehungslosigkeit zur verstorbenen Person dokumentieren." Es sei leider eine Tatsache, dass es selten so gehäufte Dokumente des gestalterischen Analphabetismus' gebe wie auf Friedhöfen. Durch Kinderarbeit in Indien gehauene und bearbeitete Steine lehne er kategorisch ab.

 

Ob es nicht um den Preis gehe, wollte ich wissen. "Ein würdiges Grabmal hat nichts mit dem Preis zu tun, man kann beeindruckende Grabsteine schaffen, die sehr schlicht sind. Hier sind eben der Einfallsreichtum: und die gestalterische Fähigkeit des Bildhauers gefordert".

 

Wie erwähnt sind dem Bildhauer die persönlichen Kontakte zu den Hinterbliebenen äusserst wichtig· Al'Leu: " Das Grabmal ist einer der wenigen Lichtblicke bei einem Todesfall, da es ein visuelles Objekt der Erinnerung ist. Persönlich ist mir das unmittelbar bewusst geworden, als ich neulich in Beinwil, im Freiamt, wo ich aufgewachsen bin, an einigen Reihen alter Grabsteine vorbeigegangen bin. Bei vielen Steinen sind Personen aufgetaucht, die längst aus meinem Gedächtnis verschwunden waren, aber eng mit meiner Jugendzeit zusammenhingen. Das war ein wirklichkeitsnahes Eintauchen in eine schon weitgehend entschwundene Zeit, ein tief beeindruckendes und sehr nachdenklich stimmendes Erlebnis..."

© Foto: Martina Leu
© Foto: Martina Leu

Nun steht also Al'Leus neuestes Werk in Oberrohrdorf. Mich interessierte, ob mein Dorf für ihn Neuland war.

 

"Einmal davon abgesehen, dass Oberrohrdorf einen sehr schönen Friedhof hat, ist natürlich jeder in gewisser Weise Neuland für mich. Die Anordnung der Grabfelder, die landschaftsarchitektonische Besonderheit und die Lichtverhältnisse sind in jedem Friedhof verschieden. Es gibt Friedhöfe, die sind so dilettantisch konzipiert, dass die Grabsteine den grössten Teil des Tages im Schatten stehen und die Steine jeder Grabgestaltung mehr oder weniger die Wirkung nehmen. Oberrohrdorf hat eine ideale Lage, dies gilt auch für den Friedhof in Beinwil im Freiamt, wo vor allem Familiengräber ein sehr gutes Lichtverhältnis haben".

 

Und was wird aus der Bildhauerei, wenn sich immer mehr Leute in Gemeinschaftsgräbern bestatten lassen?

 

"Ich habe nichts gegen verschiedene Formen der Totenehrung, sie sind ideengeschichtlich und soziokulturell bedingt. Die Bildhauerei hat andere Tätigkeitsbereiche: Kunst am Bau, Denkmalpflege und die freie Steinskulptur."

 

Gespräch mit einem Freund

Völlig aufgelöst und aus dem Lot, wollte ich jenen Abend nach dem Setzen des Grabsteines weder alleine daheim verbringen noch unter Leute gehen. Ich rief Edi, einen Freund an. Er verstand mich. Schnell brachte er mich auf andere Gedanken. Zugegeben: Es war auch der Fleury, dieses Mal in flüssiger Form dazu beitrug. Edi kam auf einen Zeitungsbericht, zu sprechen, den ich ebenfalls gelesen hatte: In Zürich liessen sich immer mehr Menschen, es war je nach Friedhof von bis zu vierzig Prozent (!) die Rede, in Gemeinschaftsgräbern beisetzen. Der Grund sei nicht selten die finanzielle Situation. Auch Baumbestattungen kämen zusehends auf. Und überhaupt: Die meisten Menschen würden vermehrt Feuerbestattungen vorziehen.

 

Friedhöfe ohne Grabsteine? Ich kann mir das schwer vorstellen. Mit Baumbestattungen könnte ich mich anfreunden: "Das Wichtigste für Hinterbliebene ist, dass sie einen Ort der Stille und Einkehr haben, an dem sie ihre Trauer besser verarbeiten können", meinte mein Freund.

 

Wir waren uns einig: Ob Baum, Urne oder Grabstätte - was zählt, ist, dass uns Plätze bleiben, an denen die Umgebung stimmt. Der Tod ist eine Drehtür. Auf der anderen Seite geht eine Form des Lebens weiter, irgendwie, das glauben nach wie vor die meisten Menschen auf der Welt, gleich welcher Religion sie angehören. In diesem Sinne sind Grabsteine auch Meilensteine.

 

"Schenkt Blumen zur Zeit des Lebens, denn auf den Gräbern stehen sie vergebens", las ich neulich in einem Buch. Der Tod trifft uns alle, früher oder später. Blumen sind dann nur noch letzte Grüsse. Tote seien erst tot, wenn die Hinterbliebenen nicht mehr an sie denken, sagt eine alte Volksweisheit. Das heisst auch, Trauer muss nicht bloss zugelassen, sondern auch in Ruhe verarbeitet werden.

 

Trauer ist der Preis, den wir dafür bezahlen, die Liebe eines Menschen zu empfinden. Liebe und Trauer gehören zusammen. Grab mit Grabstein: Für uns, meine Frau und mich, hatte ich ohne nachzudenken diese Form der Bestattung gewählt. Darüber gesprochen hatten wir allerdings nie; das war noch kein Thema für uns - mitten im Berufsleben. Im Prediger heisst es:

 

"Alles hat seine Zeit,

und was immer unter dem Himmel

geboren werden und sterben,

pflanzen und ausreissen ...

... Weinen hat seine Zeit,

und Lachen hat seine Zeit ...

 

"Als Edi heimgegangen war, zu seiner Frau, befiel mich tiefste Trauer. Wie gerne hätte ich mit ihm getauscht! Warum nicht gerade jetzt und heute seinen liebsten Mitmenschen einfach in die Arme schliessen? "Wir haben es schön miteinander, gut, dass es dich gibt", wären mögliche Worte dazu.

 

Es ist schneller zu spät als wir denken! Geben wir darum nicht nur der Trauer, sondern auch der Freude am Leben ihre Zeit ...