Alter als Chance, endlich die Kreativität auszuleben

13. Sommerakademie zur Gerontologie 2010

unter der Leitung von Prof. Dr. Urs Kalbermatten

Berner Fachhochschule

Al'Leu, 27.08.201


©  Foto: Martina Leu, Prof. Dr. Urs Kalbermatten, Wissenschaftlicher Leiter Kompetenzzentrum für Gerontologie, Berner Fachhochschule und Al'Leu
© Foto: Martina Leu, Prof. Dr. Urs Kalbermatten, Wissenschaftlicher Leiter Kompetenzzentrum für Gerontologie, Berner Fachhochschule und Al'Leu

Menschen, die Bildhauerei betreiben, werden alt

Der Renaissance-Künstler Michelangelo Buonarroti (1475 -1564) hat die in seiner Zeit durchschnittliche Lebenserwartung von Männern um das Zweieinhalbfache überschritten. Und dies in einer Zeit, in der die Bildhauerei kaum schutztechnische Mittel besaß und von Staubschutz keine Ahnung hatte. Krankheitsbilder wie "Silikose" - der Fachbegriff für die gefürchtete "Staublunge"- waren noch bis weit in die Zukunft unbekannt. Auch Schutzbrillen gab es nicht. Die einzige Möglichkeit, sich von den teilweise messerscharfen Marmorsplittern zu schützen, war das rechtzeitige Augenzukneifen vor jedem Hammerschlag. Auch Verletzungen durch den Rost, welcher sich an den geschmiedeten Eisenwerkzeugen bildete, sowie das Absprengen von Metallspänen, die aus heutiger Sicht Verletzungen wie von Granatsplittern verursachten, waren eine ständige Gefahr, die in der damaligen Zeit zu lebensbedrohlichen Infektionen führen konnte.


Eduard Spörri (1901 - 1995). "Ein Meister aus dem Aargau", wie ihn der bekannte Publizist und Paracelsus-Biograf Pirmin Meier in einer vielbeachteten Lebens- und Werkdarstellung genannt hatte, wurde 94 Jahre alt. Sein Cousin Eugen Spörri Senior wurde trotz lebenslanger Arbeit am Stein 101 Jahre alt. Sie haben bis kurz vor ihrem Ableben gearbeitet. Beide waren meine Lehrmeister. Als ich die Lehrstelle antrat, war Eugen Spörri bereits 83 Jahre alt. Von Anfang an musste ich hart am Stein arbeiten. Übungsstücke waren im Atelier Spörri nicht üblich. Ich musste schon am ersten Tag an einem bläulich-grauen Marmor aus Carrara arbeiten. Von Eugen Spörri erlernte ich in den ersten zwei Jahren das Steinhauerhandwerk mit sehr hohen Ansprüchen an die Arbeitsqualität. Die folgenden zwei Jahre gehörten zunehmend der künstlerischen Ausbildung. Eduard Spörri hat mich mit der Kunst und den technischen und visuellen Problemen des klassischen Modellierens von Figuren und in das anspruchsvolle Handwerk des Gipsabgusses eingeführt. In seinem Atelier fühlte man sich hundert Jahre zurückversetzt. Wenn man in seinen Obstgarten trat und die Tür in der ihn einschliessenden Umrandungsmauer verschloss, fühlte man beinahe eine körperliche Anwesenheit der großen Meister der französischen Bildhauerei des 19. Jahrhunderts: Auguste Rodin, Aristide Maillol und Auguste Renoir inspirierten Eduard Spörris Kunst der sorglos Badenden und der selbstvergessenen Schönheit der herumstehenden und sitzenden Akte. Frauenfiguren, Portraits und Reliefs zeigten eine von der industriellen Technik und merkantilen Hektik unberührte Welt. Es wirkt wie ein ironischer Schnitt in Eduard Spörris Welt, dass ausgerechnet er mit einem Werk, das an eines der schrecklichsten Unglücke in der Geschichte der Schweizer Luftfahrt erinnert, berühmt wurde. Er schuf das monumentale Denkmal, welches den Flugzeugabsturz bei Dürrenäsch am 4. September 1963 in Erinnerung hält. Eine vollbesetzte Caravelle der Swissair war damals auf dem Kurs nach Rom und stürzte 22 Minuten nach dem Start ab. An Bord waren 19 Ehepaare aus Humlikon, die 39 Vollwaisen hinterliessen.

©  Foto: Archiv Limmat-Stiftung, Zürich
© Foto: Archiv Limmat-Stiftung, Zürich

Hundert Jahre (1902 - 2002) alt wurde auch der Maler Karl Lukas Honegger, der sich mit 45 Jahren noch fünf Jahre lang zum Bildhauer ausbilden ließ und danach ein beachtliches plastisches Werk schuf, in dem Skulpturen aus Marmor und Granit einen wichtigen Bestandteil bildeten. Mit viel Energie und innerer Überzeugung erarbeitete er einen selbstbewussten und von seinem persönlichen Weltbild geprägten Realismus. Bewusst bezog er eine Aussenseiterposition zu den formalistischen Kunstvorstellungen seiner Zeitgenossen. Zahlreiche Schüler und Schülerinnen hat er in die Geheimnisse seiner Formgebung und ihrer plastischen Aussagekraft eingeweiht. An Karl Lukas Honeggers Originalität, seinen brillanten Verstand und seinen messerscharfen Witz erinnern sich heute noch viele seiner Bekannten mit Freude. Sein künstlerischer Nachlass wird heute von Thomas Buck in der "Limmat-Stiftung" in Zürich betreut.

Aristide Maillol (1861-1944) verstarb mit 85 Jahren an den Folgen eines mysteriösen Autounfalls. Er war vor seinem Tod noch intensiv künstlerisch tätig. Aristide Maillol wurde mit einem voluminösen und reduzierten Realismus zum großen Erneuerer der figurativen Bildhauerei am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die schlichte, auf innere Harmonie gründende Schönheit seiner Plastiken zeigen eine völlig andere Ästhetik, als die expressiven und unruhigen Figurationen von Auguste Rodin, dem besonders die Suggestion des pulsierenden Lebens in seiner Formgebung wichtig war.


"Der schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten ist in der Kindheit zu suchen", begründete die Bildhauerin Louise Bourgeois (1911 - 2010) ihr beeindruckendes und vieldiskutiertes plastisches Lebenswerk. Vor allem das Ab- und Umarbeiten ihrer problematischen Beziehung zu ihrem Vater, einem chronischen Charmeur und Frauenheld, inspirierte sie zu provozierend-suggestiven Skulpturen und Installationen aus Latex, Marmor und Bronze, mit vielschichtigen sexuellen und erotischen Anspielungen, in denen sie variantenreich die "perfide Macht des Mannes" thematisierte. Einem breiten Publikum ist sie mit den riesigen Spinnen-Skulpturen ein Begriff geworden. Sie interpretierte diese als "Mutter-Symbole".

Ernsthaft mit ihrem kreativen Schaffen begann die Künstlerin erst nach dem Tod ihres Ehemannes Robert Goldwater, mit dem sie 35 Jahre verheiratet war und mit ihm zwei Kinder großgezogen hatte. Louise Bourgeois, eine der ganz großen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, starb 99 jährig in New York.


Kürzlich berichtete die deutsche Fachzeitschrift "Psychologie heute" von einer weltweiten Studie, welche die Lebenserwartung von Männern nach Berufsgattungen untersucht hat. In ihr wurde nachgewiesen, dass Bildhauer die längste Lebenserwartung haben. Dies trotz erhöhter gesundheitlicher Gefahren, die in diesem Beruf durch das Arbeiten mit Gips, Holz und Stein ständig vorhanden sind.


Kreativität als Nachholbedarf alter Gestaltungsträume

Seit zwanzig Jahren leite ich in Zürich Kurse für "Plastisches Gestalten und bildhauerische Techniken". Diese Kurse können ohne Vorkenntnisse besucht werden. Genutzt wird das Ausbildungsangebot von Anfängern, Autodidakten, die ihre selbst erworbenen Kenntnisse vertiefen wollen und bereits erfahrenen Kunstschaffenden, meistens Keramiker, Maler oder Grafiker, die ihre Kenntnisse in der dreidimensionalen Darstellung erweitern wollen.

Das Alter der Kursteilnehmerinnen und -Kursteilnehmer reicht vom 16. bis zu 83. Lebensjahr. Jugendliche, Erwachsene und die über 60jährigen sind anzahlmässig ausgewogen, das heißt, jede Gruppe stellt etwa ein Drittel der Ausbildungsinteressierten.

Der Anteil der Männer umfasst knapp ein Fünftel aller Kursbesucher. Das ist nach meiner Erfahrung viel. Einen starken Zuwachs an Männern in meinen Kursen habe ich in den letzten drei Jahren erfahren. Zuvor war das Verhältnis: 8 Männer auf 130 Frauen.

Auffällig an diesem plötzlichen Zuwachs ist, dass fast alle neu hinzugekommenen Männer um die 60 Jahre alt, also im Vorpensionsalter sind. Sie weisen ein hohes Aktivitätspotenzional auf, frei nach dem Motto "Die wirtschaftliche Karriere haben wir bald abgeschlossen und freuen uns auf eine kreative Zukunft".

Die Männer haben Berufe wie Techniker, Jurist, Manager, Psychologe, Arzt, Beamter, Fotograf. An meisten ist der Beruf Architekt vertreten.

Die Teilnehmerinnen stammen aus Berufen der Schule, der Banken, der Verwaltung und der Medizin. Auffallend klein ist der Anteil an Nichtberufstätigen.

Frauen über 60 Jahre sind zu zwei Dritteln alleinstehend und waren früher berufstätig.

Auch sie sind meist hochmotiviert. Ein beachtlicher Teil hat schon einmal eine künstlerische Ausbildung begonnen oder gar abgeschlossen.

Da ist beispielsweise eine ehemalige Verwaltungsangestellte, die in jungen Jahren bei einem bedeutenden deutschen Bildhauer studiert hat und die ihre damals erworbenen technischen Kenntnisse nach ihrer Pensionierung aufgefrischt hat, um endlich ihre jahrzehntelang zurückgestellten Ideen plastisch realisieren zu können und dies auch mit erstaunlicher Selbstmotivation tut.

Ein anderes Beispiel ist die Teilnehmerin die beim berühmten Schweizer Architekten, Maler und Plastiker Max Bill Sekretärin war. Nach jahrelanger kunstbezogener Verwaltungsarbeit fasste sie den Entschluss, sich selbst an das Abenteuer "Skulptur" zu wagen. In der Zwischenzeit existieren von ihr Werke in Gips, Bronze und Stein die schon in verschiedenen Galerien gezeigt wurden.

In meiner zwanzigjährigen Kurstätigkeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass Frauen meist neugieriger, fantasiebegabter und experimentierfreudiger sind als Männer. Ihre Arbeiten sind thematisch und stilistisch breiter angelegt. Formal neigen sie eher zu organischer oder realer Formgebung, die sich aus verschiedenen Vorstellungen heraus mit dem menschlichen Körper auseinandersetzen.

Männer stehen tendenziell der konstruktiven Formgebung nahe. Dem Mess- und Planbaren wird der Vorzug gegeben, was sich im Bereich der geometrischen Plastik natürlich optimal ausleben lässt. Auch ist ihnen ein starker Hang zu körperlicher Herausforderung eigen. Sie bevorzugen die Arbeit an harten Steinen, an denen sie Zirkel und Winkel einsetzen können oder die Herstellung großformatiger Formen, wo auch technische Hilfsmittel verwendet werden.

Ich möchte jetzt anhand von zwei Kursteilnehmerinnen und einem Kursteilnehmer näher aufzeigen, wie sich der Entscheid, bildnerisch aktiv zu werden ausgewirkt hat: Lucie Weil, Marianne Rudolf und Peter von Burg sind die anvisierten Personen.

©  Foto: Archiv Edition LEU, Zürich
© Foto: Archiv Edition LEU, Zürich

Lucie Weil hat Jahrgang 1939. Aufgewachsen ist sie auf einem schön gelegenen Bauernhof im Appenzellerland mit Sicht auf den Alpstein.

Sie absolvierte eine kaufmännische Ausbildung im Textilbereich, wo sie auch die Arbeit der Stickereientwerfer kennenlernte.

1972 wechselte Lucie Weil in die Bankbranche. Sie arbeitete im Bereich des Kapitalmarktes. Die Bankkarriere beendete sie 1999 als Angehörige des mittleren Kaders. Nun hatte sie nach einem hektischen Berufsleben endlich die notwendige Zeit, sich den schon lange gehegten Wunsch, etwas im gestalterischen Bereich zu machen, zu erfüllen.

Im September 1999 trat sie als Anfängerin in den Kurs "Gestalten mit Speckstein" ein. Die Aufgabe bestand darin, aus einer Auswahl von Steinbrocken ein Exemplar auszuwählen, und diesen zu einer Skulptur zu verarbeiten. Aus einer zufälligen wird eine freie Form geschaffen, die in ihren Bewegungsverläufen funktionieren soll. Inzwischen ist das skulpturale Können von Lucie Weil ausgereift: Die Harmonie der Linienführung, die klare Anlage der Flächen sowie das optische Sichtbarmachen von Textur und Struktur lassen Skulpturen entstehen, in denen sich meditative Verinnerlichung des Ästhetischen mit der subjektiven Kraft des Formwillens vereinen.

Die Strenge der Formgebung, biomorphe Formvorstellungen und Verweise auf anthroposophische Vorstellungen finden in Lucie Weils Werken eine sehr persönliche Umsetzung und Realisation.


Die Bezeichnung "Speckstein" stammt aus der Umgangssprache. Es handelt sich um eine krypto-kristalline Varietät des Talks.

Der geologisch korrekte Begriff ist "Steatit". Er ist ein Magnesiumsilikat und weist eine sehr hohe Dichte auf. Er entspricht dem Härtegrad 1 auf der Mohs'schen Härteskala, die bis 10 reicht und mit dem härtesten Stein, dem Diamanten endet. In Europa wurde das Material erst im 18. Jahrhundert bekannt. Im Jugendstil wurde er ein beliebtes Gestaltungsmaterial. In der Kunst sind Speckstein-Werke bekannt, die ein Alter von 5000 Jahren aufweisen.

©  Foto: Archiv Edition LEU, Zürich
© Foto: Archiv Edition LEU, Zürich

Marianne Rudolf wurde 1940 als Tochter eines der ersten Taxi-Chauffeure des Kantons Graubünden geboren. Der Vater war ein bekanntes Bündner Original. Aufgewachsen ist sie zweisprachig deutsch und rhätoromanisch in Flims.

Ihre dreijährige Ausbildung an der Töchterhandelsschule in Chur schloss sie mit dem Handelsdiplom ab. Die ersten Jahre in ihrer Berufslaufbahn war sie bei den Verkehrsvereinen Flims, Genf und Zürich angestellt.

1966 trat sie in die Filmgesellschaft Warner Bros. in Zürich ein, wo sie sich in ihrer 23jährigen Tätigkeit von der Direktionssekretärin zur Reklamechefin hocharbeitete. Marianne Rudolf war verantwortlich für die Untertitel und die Lancierung von rund vierhundert Filmen in der Schweiz, unter anderem heutige Klassiker wie Federico Fellinis nostalgische Lebenserinnerung "Amarcord", Lucchino Viscontis geniale Thomas Mann-Verfilmung "Der Tod in Venedig", Stanley Kubricks provokante Zukunftsvision "A Clockwork Orange" und das sagenhafte Epos "Excalibur" von John Boorman.

I989 beendete Marianne Rudolf ihr berufliches Engagement und ging ein Jahr auf Weltreise.

Nach einem Bildhauer-Kurs in Italien beschloss sie, sich dieser Kunst zu widmen und meldete sich für den Kurs "Plastisches Gestalten" an.

Neben dem Arbeiten am Stein entdeckte sie die faszinierenden Möglichkeiten des Modellierens mit Ton und Gips. Mit zunehmender Festigung der handwerklichen und formalen Fähigkeiten entwickelte Frau Rudolf eine eigene bildnerische Thematik, die ihre Wurzeln in den Erlebnissen ihrer Weltreise hat. Ihre großformatige Huhn-Plastik "Toru Ngutu" - 3 Schnäbel - hat ihren Ursprung in Neuseeland. Ihr folgte bald als Pendant das plastische Hahn-Motiv "Toru Hou", was in der Maori-Sprache "3 Federn" bedeutet.

"Ich will nichts Neues erfinden - ich will die Dinge nur anders sehen und zusammensetzen, um ihrem tieferen Sinn auf die Spur zu kommen", definiert Marianne Rudolf ihr künstlerisches Schaffen.

Thematisch wurzeln ihre Plastiken und Reliefs in der Vorstellungswelt der "Individuellen Mythologie". Marianne Rudolf erzeugt mittels einfacher Zeichen wie Fisch, Huhn oder Ei symbolhafte Denkprozesse mit hohem Interpretationsvolumen.

©  Foto: Archiv Edition LEU, Zürich
© Foto: Archiv Edition LEU, Zürich

Peter von Burg ist ebenfalls ein "Spätberufener". Er wurde 1934 in Balstal geboren. Nach der Lehre als Maschinenschlosser liess er sich zum Maschinentechniker ausbilden. Bis in die 90er Jahre war Peter von Burg in verschiedenen Kaderpositionen im technisch-industriellen Bereich tätig. Nach Bildhauer-Kursen in Pietrasanta wechselte er mehrere Jahre in meinen Tageskurs "Abstrakte Skulptur und figurative Plastik".

Peter von Burg arbeitet heute als 76jähriger ausschließlich als Steinbildhauer. Sein bevorzugtes Material ist der Marmor. Vor zwei Jahren hat er den dritten Preis bei einem internationalen Bildhauer-Symposium gewonnen. Dort stand er mit 12 viel jüngeren Kollegen in Konkurrenz. Seine abstrakten Skulpturen haben die Schönheit der Form und die der Bewegung zum Thema. Er will gerade durch die Materialität seiner Skulpturen Erfahrungen vermitteln, die auf meditative Ebenen verweisen.


Das Alter als kreative Chance

Die Zeit des Alterns ist eine Chance, lange gehegte Träume zu verwirklichen. Endlich das zu machen, das schon lange herbeigesehnt wurde. Entscheidend ist, dass man sofort damit beginnt und es nicht hinausschiebt in Richtung des legendären "St. Nimmerleinstages". Wenn dieses Verhalten vorhanden ist, wird der Verdacht bald zur Tatsache, dass der Wunsch, künstlerisch zu arbeiten, bloß ein Phantom war.

Kreativität im Alter soll und muss anspruchsvoll sein, damit Denk- und Vorstellungsgabe, Einfühlungsvermögen und Bewegungsfähigkeit optimal erhalten bleiben und sich gar situationsgerecht verbessern. Geschieht dies nicht, geht es nicht um ernsthaftes kreatives Schaffen, sondern bloß um ein kreatives Ruhigstellen auf niedrigem Niveau. Der Begriff "Kreativ" ist grundsätzlich nicht wertgebunden und findet in irgendeiner Form in allen Lebenslagen statt. Überall wo Probleme gelöst werden müssen, ist kreatives Handeln im Spiel. Kreativität ist ein Aspekt des Schöpferischen. Daher ist sie ein wichtiger Bestandteil des Kunstschaffens.

Leider steckt in vielen Kursen und Tätigkeitsangeboten die fatale Ideologie des "Kindergartens für Senioren". Eine inakzeptable Einstellung, die älter werdende Menschen mit ihren sehr persönlichen und auch oft enormen Erfahrungen einfach nicht mehr für voll nehmen will.

Nach der Pensionierung nochmals einen Neubeginn mit einer ernsthaften Tätigkeit zu wagen, lohnt sich natürlich vor allem für Menschen, die sich dazu noch stark und fit genug fühlen.

Die künstlerische Tätigkeit ist eine Chance, sich frei zu machen. Seine eigene Position im Ausdruck seiner Gefühle und Gedanken zu erarbeiten und darzustellen.

Dies ist in der Bildhauerei auch dann möglich, wenn die körperlichen Kräfte etwas nachlassen. Da ist zum Beispiel das Arbeiten im Ton mit seiner uralten Tradition. Er lässt viel Raum für das Experimentieren mit dem Material, ist leicht formbar und kann zum Beispiel als Terrakotta-Plastik gebrannt werden. Der eingesetzte Kraftaufwand ist verhältnismäßig gering. Es gibt auch ein breites Angebot von selbst aushärtenden Modelliermassen auf dem Markt. Eine weitere Technik ist das direkte Formen mit Kunststein.

Voraussetzung ist hier jedoch eine möglichst klare Vorstellung von dem zu schaffenden Werk. Ist die Vorstellung des Motivs reif zur Ausführung, wird das Material um ein Metallgerüst modelliert oder auf eine zuvor zugeschnittene Schaumstoff-Form aufgetragen, die dann im Zeitraum eines Tages trocknet.

Kunststein ist gemahlener Naturstein, der mit Zement im Verhältnis zwei zu eins vermengt wird, so daß eine Masse entsteht, deren Konsistenz etwa Butter entspricht. Weil Kunststein aus verschiedenen Gesteinsarten gewonnen wird ergibt sich eine größere Auswahl an Farben. Dies ist eine Form-Technik die wir in unserer Schule in den letzten Jahren immer weiterentwickelt haben. Sie stellt kaum Anforderungen an die Kraftreserven. Sie wird besonders von Personen geschätzt, die Muskel- oder Gelenkprobleme haben. Es ist eine Technik, die dem geschaffenen Werk eine lange Beständigkeit sichert.

Es gibt eine weitere positive Motivation, mit der künstlerischen Arbeit nach der Pensionierung zu beginnen: Die Existenz ist gesichert und dies ist die Voraussetzung für einen wirklich freien Künstler oder eine freie Künstlerin.

Jüngere professionelle Künstler haben oft einen sehr harten Existenzkampf. Sie müssen Kompromisse eingehen, um Aufträge zu erhalten und leben unter dem Druck, ständig um Kontakte bemüht zu sein, um sich die notwendigen Vertriebsstrukturen wie Galerien, Wettbewerbe und Presse für ihre Arbeit zu sichern.

Als Mensch, der seinen Brotberuf hinter sich hat, kann man in der Kunst wirklich frei sein. Man darf sein Schaffen nach seinem Temperament ausrichten, kann in Ruhe experimentieren, ohne die Angst der Jüngeren zu haben, seinen anerkannten Stil zu verlieren. Man kann sich auch genügend Zeit für die Ausführung seiner Werke nehmen. Der wirtschaftliche Produktionszwang fällt weg, so dass man zwar weniger, aber vielleicht überzeugendere Werke schaffen kann.

Künstlerkarrieren sind auch im reifen Lebensalter möglich. Sie sind aber oft nur von außen betrachtet angenehm und zerren in Wirklichkeit nicht nur an den Nerven, sondern behindern oft auf unangenehme Weise die Arbeit. Karriere, Kunstpreise, Ausstellungen und Pressepräsenz sind nicht das, für das ein echter Künstler und die echte Künstlerin leben. Echte Erfüllung finden sie in der Selbstvergessenheit des Schaffensprozesses. Im Erlebnis formaler Erfahrung und materieller Realisation. In der Bildhauerei manifestiert sich der Geist durch die sinnlichen Qualitäten des Materials. Nicht zuletzt ist auch die körperliche Ermüdung durch elementare Arbeit an etwas Entstehendem eine nicht zu unterschätzende Befriedigung.

Ich bin jetzt rund vierzig Jahre als Kunstschaffender tätig, aber echte Freiheit, genügend Ruhe für meine Arbeit, die mir wirklich wichtig ist, werde ich vermutlich auch erst im AHV-Alter haben, vorausgesetzt, die Gesundheit macht mir keinen Strich durch die Rechnung.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen, meinen älteren Schülern und mir, dass wir möglichst lange mehr Freude an der Gegenwart als an der Vergangenheit haben.